13/5/2026

Angst und ADHS: wenn ein Gehirn in zwei widersprüchlichen Modi funktioniert

Zwei Bilder einer Erfahrung

In psychologischen und psychiatrischen Praxen begegnet man sehr häufig Patientinnen und Patienten, die scheinbar widersprüchliche Erfahrungen beschreiben. Einerseits berichten sie über Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität, Gedankenchaos und ein Gefühl von „innerer Zerstreutheit“. Andererseits beschreiben sie Anspannung, Grübeln, ein starkes Kontrollbedürfnis und das ständige Gefühl, dass „etwas schiefgehen könnte“. Viele Jahre lang wurden diese beiden Bilder als getrennte diagnostische Einheiten betrachtet. Heute wissen wir, dass sie sehr häufig koexistieren und dass ihre Beziehung deutlich komplexer ist als die bloße Summe von Symptomen. ADHS und Angststörungen überlagern sich nicht nur. In vielen Fällen bedingen sie sich gegenseitig. Epidemiologische Studien zeigen konsistent ein Ergebnis: Angststörungen treten bei etwa einem Viertel bis sogar der Hälfte der Menschen mit ADHS auf. Die Unterschiede ergeben sich aus der Methodik der Studien und den untersuchten Populationen, doch die Richtung bleibt konstant — Komorbidität ist die Regel, nicht die Ausnahme. Dies wirft eine zentrale Frage auf, die sowohl für die Diagnostik als auch für die Behandlung entscheidend ist: Warum treten diese beiden Zustände so häufig gemeinsam auf?

Drei Erklärungsebenen: Gehirn, Denken und Erfahrung

Die Antwort ist nicht eindeutig, aber es lassen sich drei sich ergänzende Erklärungsebenen unterscheiden: die neurobiologische, die kognitive und die erfahrungsbezogene Ebene. Auf neurobiologischer Ebene betreffen ADHS und Angst teilweise dieselben Regulationssysteme des Gehirns. Eine zentrale Rolle spielen dabei das dopaminerge und das noradrenerge System, die sowohl die Aufmerksamkeitsregulation als auch die Verarbeitung von Bedrohungssignalen beeinflussen. Vereinfacht gesagt — das Gehirn besitzt keine getrennten „Systeme“ für Konzentration und Angst. Es nutzt teilweise dieselben neuronalen Netzwerke für beide Funktionen. Wenn deren Regulation gestört ist, können sich die Folgen in beiden Bereichen gleichzeitig zeigen. Auf kognitiver Ebene sind die Unterschiede subtiler, aber sehr bedeutsam. ADHS ist vor allem mit Schwierigkeiten verbunden, die Aufmerksamkeit stabil zu halten. Der Geist springt leicht zwischen Reizen, sucht nach Neuheit und hat eine eingeschränkte Fähigkeit, „auf Kurs zu bleiben“. Angst wirkt umgekehrt — sie verengt die Aufmerksamkeit und richtet sie auf potenzielle Bedrohungen. Wenn beide Mechanismen gleichzeitig bestehen, entsteht ein charakteristisches Erleben: Ein Teil des Geistes driftet in viele Richtungen gleichzeitig, während ein anderer Teil an negativen Szenarien „haften bleibt“. Subjektiv wird dies als Überlastung, Schwierigkeit im linearen Denken und als konstante kognitive Anspannung erlebt. Die dritte Ebene betrifft die gelebte Erfahrung. Bei ADHS durchlaufen viele Menschen über Jahre hinweg einen wiederkehrenden Zyklus: Schwierigkeiten in der Organisation, daraus resultierender Stress und anschließend Versuche der Kompensation durch erhöhte Kontrolle. Mit der Zeit kann dies zu chronischer Anspannung und erhöhter Wachsamkeit führen. Angst entsteht dann nicht „aus dem Nichts“, sondern entwickelt sich als adaptive Reaktion auf wiederholte Schwierigkeiten im Alltag.

Sekundäre Angst, primäre Angst und ADHS-Maskierung

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zwei Mechanismen der Angst zu unterscheiden, die klinisch unterschiedliche Bedeutung haben, auch wenn sie für Betroffene schwer auseinanderzuhalten sind. Sekundäre Angst entsteht als Reaktion auf ADHS-Symptome. Sie bezieht sich meist auf reale Konsequenzen: Vergesslichkeit, Verspätungen, organisatorische Schwierigkeiten oder Fehler. Sie ist somit in gewisser Weise in der Erfahrung „verankert“ und entsteht aus der Erwartung wiederkehrender Probleme. Primäre Angst hingegen ist stärker generalisiert. Sie ist nicht direkt von der Situation oder dem kognitiven Funktionsniveau abhängig. Sie äußert sich als anhaltende Anspannung, Tendenz zum Grübeln und das Erleben von Bedrohungserwartungen in vielen Lebensbereichen gleichzeitig. In der klinischen Praxis überlappen sich diese beiden Formen häufig, was die Diagnostik zusätzlich erschwert. Ein besonders interessantes Phänomen in diesem Bereich ist das sogenannte Maskieren von ADHS durch Angst. Bei einigen Personen entwickeln sich kompensatorische Strategien, die oberflächlich betrachtet hoher Organisation und Selbstdisziplin ähneln. Dazu gehören Perfektionismus, übermäßige Planung, starke Verhaltenskontrolle oder das Vermeiden riskanter Situationen. Aus äußerer Perspektive kann eine solche Person sehr „strukturiert“ wirken. Der psychische Aufwand, diese Struktur aufrechtzuerhalten, ist jedoch hoch — er erfordert eine ständige kognitive und emotionale Anspannung. In vielen Fällen wird ADHS erst dann diagnostiziert, wenn diese Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen und Angst kein effektives Kontrollsystem mehr darstellt.

Behandlung und Wiederherstellung der Regulation

Das Verständnis dieser Komorbidität hat direkte therapeutische Bedeutung. Die Behandlung zielt nicht nur auf die Reduktion einzelner Symptome ab, sondern auf die Verbesserung der gesamten kognitiv-emotionalen Regulation. In vielen Fällen führt eine wirksame ADHS-Behandlung auch zu einer Reduktion sekundärer Angst, da sie die Anzahl überfordernder Alltagssituationen verringert. Die Pharmakotherapie kann sowohl stimulierende als auch nicht-stimulierende Medikamente umfassen und in ausgewählten Fällen auch angstlösende oder antidepressive Behandlungen. Die Wahl der Strategie hängt vom dominierenden klinischen Bild und der individuellen Reaktion der Patientin oder des Patienten ab. Ebenso wichtig ist die Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, die sowohl an der Struktur des Alltags als auch an Grübelmechanismen arbeitet. Schließlich spielen grundlegende Faktoren wie Schlaf, Tagesrhythmus und Reizexposition eine wichtige Rolle, da sie die Stabilität des Nervensystems beeinflussen. Das gleichzeitige Auftreten von ADHS und Angst ist somit kein zufälliges Zusammentreffen zweier unabhängiger Störungen. In vielen Fällen handelt es sich um ein einziges, komplexes Regulationssystem im Zustand der Überlastung. Aus Sicht der Betroffenen ist der entscheidende Wendepunkt nicht die Diagnose selbst, sondern das Verständnis, dass ihre Erfahrung nicht aus einer „Charakterinkongruenz“ entsteht, sondern aus einer spezifischen Funktionsweise des Nervensystems. Und genau dieses Verständnis wird oft zum ersten wirklichen Schritt hin zu einer Verbesserung der Funktionsfähigkeit.